Auf dem BlogTalk in Wien hat ein Beitrag für besonders viel Furore gesorgt und es sogar bis zu heise und ins heute journal geschafft: Der Vortrag von Nico Lumma zur Zahl der Weblogs in Deutschland. 14.500 sollen es sein, davon etwa 7.500 aktive.
Die Presse hat daraus erst einmal eine Gegenüberstellung der aktiven Weblogs in Deutschland mit allen Blogs in den USA gemacht und kommt auf 7.500 (D) zu 3,5 Mio (USA) und damit zu der aktuell üblichen negativen Einschätzung, was Nico Lumma zu recht auf seinem Weblog kritisiert hat. Die Entlassungswellen in den Medien machen sich halt etwas bemerkbar…
Auf den zweiten Blick sieht das Verhältnis weit weniger dramatisch aus: So ist die Zahl der Blogs von Lumma sicher zu niedrig. Vergleicht man etwa die Zahlen auf den Homepages von Blogigo und Myblog mit den aus der Präsentation errechneten, weist Lumma die Zahl der Weblogs nur etwa halb so hoch aus wie die Betreiber selbst. Außerdem fehlen einige gewichtige Anbieter. Freenet z.B. hostet alleine etwa 3.000 Weblogs. Fasst man diese Ergebnisse zusammen, dürfte eine Größenordnung von 35-40 Tsd. die Realtität sehr viel besser darstellen als 14.500.
In Nordamerika ist die Zahl der Blogs deutlich höher. Perseus kam im Herbst 2003 auf die Zahl von gut 4 Mio. Weblogs bei speziellen Hostern, von denen etwa 1,4 Mio. aktiv waren. (Darin enthalten auch Weblogs von Nichtamerikanern, nicht enthalten aber Blogs, die selbst betrieben werden). Also ist 4 Mio. sicher eine gute Zahl für eine Daumenkalkulation.
In Nordamerika gibt es aber auch mehr Internet-Nutzer. Fasst man Kanada und die USA zusammen, sind es etwa vier mal so viele wie in Deutschland. Selbst bei gleicher Bloggingintensität könnte man in Deutschland also nur etwa eine Million Blogger erwarten. Treibt man dieses Spielchen mal für die Zahl der aktiven Weblogs oder für die häufig genannten 3,5 Mio. amerikanischen Blogs, wird der Abstand noch kleiner.
Zusammengefasst: Bereinigt um die Landesgröße und die Untererfassung der Blogs in Deutschland sind in den USA über den Daumen gepeilt etwa 20-30 mal so viele Weblogs am Start wie in Deutschland, nicht 470 mal so viele, wie die Presseberichterstattung suggeriert.
Das kann man jetzt bejammern, man kann es aber auch als Marktlücke sehen und sich hineinstürzen. Immerhin zeigen alle Zahlen, dass die Anzahl der Weblogs in Deutschland ständig steigt.
P.S.: Dank an Martin Röll für eine kurze Diskussion zum Thema.


15. 07. 2004 um 18:25
ich habe darauf hingewiesen, wie die zahlen zustande kommen. wer nicht pingt, wird nicht erfasst (freenet) und wir führen auch keine weblogs auf, die nur kurz angelegt und dann vergessen wurden.
16. 07. 2004 um 8:07
Also es kann ja nur darum gehen die tatsächliche Anzahl der Weblogger (im Sinne der Definition) zu schätzen. Wenn die Darstellung bei den Rezipienten (Medien) dazu führt, dass im nationalen Vergleich eine Relation 1:470 statt 1:30 herauskommt, dann ist das schon ein ziemlicher Unterschied.
Unabhängig davon stellt sich aber die Frage, was dieses Verhältnis zu bedeuten hat - bzw. ob es überhaupt etwas zu bedeuten hat.
16. 07. 2004 um 8:35
ich habe aber nie von einer schätzung gesprochen, sondern nur von dem, was wir zählen. und ein blog ohne rss und ping wird eben nicht aufgenommen, völlig zu recht, wie ich finde.
22. 07. 2004 um 1:54
Und um hier mal für “die Medien” zu sprechen (was oder wer auch immer das sein mag): Zahlenmäßig interessant sind natürlich nur aktive Blogs. Dass es in Deutschland oder sonstwo noch X tausend gibt, deren einziger Eintrag “Test Test Test” ist (um Stefan Glänzer zu zitieren) halte ich für irrelevant.
Im Übrigen: Im Hinbick auf eine weitere Ausweitung der deutschsprachigen Blogosphäre (die wir uns wohl alle wünschen, ich zumindest), bewirken provokative Artikel a la “Die Deutschen blicken es halt nicht” wesentlich mehr, als Kuschel-Kuschel-Das-ist-hier-ganz-toll-Berichte, die Neueinsteiger letztlich nur enttäuschen, nachdem sie feststellen wie dünn hierzulande die Blogs in Wirklichkeit gesäät sind.
23. 07. 2004 um 9:08
Mario, das mag für die Journalistensicht oder auch für die Blogosphärensicht gelten. Wenn es darum geht, ob es vielleicht einen Markt für das Angebot an Blog-Hosting-Lösungen gibt, sind auch die Personen als Kunden interessant, die nach einer Weile ihren Blog wieder aufgeben. Setzt natürlich voraus, dass man vorher irgendwie mit diesen Leuten Geld verdienen kann, aber wie so ein Geschäftsmodell aussehen kann, ist eine andere Frage. Auch viele private Homepages sind Ruinen im Netz.