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27.2.2005

Ceterum censeo: In Deutschland fehlen Qualitäts-Blogs

Verfasst von Thorsten Wichmann am 27.02.2005, 21:57 | Digital Consumer & Marketing

Martin Röll hat mit einer langen Replik auf meinen Vortrag in Berlin und die anschließende Diskussion eine große und lesenswerte Debatte unter Bloggern zur Qualität von Blogs losgetreten. Mit (beim letzten Zählen) 22 Kommentaren und Trackbacks hat sich eine ziemlich interessante Auseinandersetzung über Blogs, ihre Qualität und die Diskussionskultur in Weblogs entwickelt.

Aber zunächst noch einmal zurück nach Berlin: Ich habe unter dem Stichwort “Reife der Weblog-Landschaft” (unter anderem) zwei Dinge bekrittelt, die mir auf eine im Vergleich zu den USA noch sehr unreife Landschaft hindeuten: wenig interessante Inhalte und unterentwickelte Diskussionskultur. Das klingt natürlich erst einmal nach starkem Tobak, aber Ziel des Vortrags war ja, eine Diskussion anzustoßen.

Also nochmal These I: Wenig interessante Inhalte. Mein Eindruck ist, dass sie viele der bekannteren Blogger immer noch am liebsten mit Weblogs beschäftigen, und dass diesen Blogs eine Vielzahl von Blogs “Senf-Blogs” sind, die wenig interessante Inhalte haben, aber in denen die Autoren ihre Meinung zu allem und jedem äußern, vorzugsweise zu dem was sie auf Heise, Golem oder Spiegel Online lesen. Von “Senfstau im Cyberspace” schrieb das Magazin Insight.

Nun kann natürlich jeder schreiben was er will – man muss ja zum Glück nicht alles lesen. Mir ging es auch nicht um den Durchschnitt der Weblogs oder um alle Weblogs. Natürlich hat Martin Röll recht, wenn er schreibt, dass Weblogs erst einmal wie E-Mail eine neutrale Technologie sind, die alle nach den eigenen Bedürfnissen nutzen.

Aber warum fühlen sich außerhalb der Bloggerszene der ersten Stunde davon so wenige angesprochen, die wirklich etwas zu sagen haben? Oder zumindest versuchen, etwas Originelles auf die Beine zu stellen? Vielleicht sogar ein One Person Content Business wie z.B. Rafat Ali mit Paid Content oder Christopher Allbritton, ein Journalist, der sein Blog Back to Iraq durch Spenden von seinen Lesern finanzieren ließ (er schreibt jetzt wieder für traditionelle Zeitschriften, aber geschadet hat ihm der Versuch sicher nicht).

Der Vorteil der Weblog-Technologie ist ja, dass die Hürden für das Publizieren so niedrig geworden sind, dass man wenig mehr als eine Idee und etwas Mut braucht, um loszulegen. Natürlich kann man davon nicht auf BAT-IIa-Niveau leben, aber das können viele andere, z.B. in der Medien- und Kunstszene auch nicht. Trotzdem verwirklichen sie ihre Ideen.

Fatal finde ich diesen Zustand deshalb, weil er das Medium auch für Outsider uninteressant macht. Wer will schon immer nur von Bloggern lesen, die über andere Blogger und Blogs im Allgemeinen und im Besonderen schreiben. Wenn die Blog-Landschaft blühen soll, muss sich das ändern.

These II: Unterentwickelte Diskussionskultur. Das Schreiben von Beiträgen, also das Publizieren ist eine Sache. Was Blogs aber doch erst richtig interessant macht, sind die Möglichkeit zum Kommentieren und die sich daraus ergebenden Diskussionen. Das zeigt nicht zuletzt der Beitrag von Martin Röll – aber wieder nur zum Thema Weblogs.

In Berlin kam dann gleich das Thema “politische Diskussion” auf (darüber schreibt auch Martin Röll), das war aber nicht das, was ich meinte. Als IT-Analyst interessieren mich natürlich besonders fachliche Diskussionen zu IT-Themen. Und die gibt es z.B. in den USA zuhauf – nicht nur zu Weblogs, sondern zu allen möglichen Arten von IT-Themen. Und viele dieser sich über mehrere Blogs erstreckenden Diskussionen sind qualitativ hochwertig und eine Bereicherung – für den Leser wie für den Autor des Erstbeitrags.

Solche Diskussionen zu anderen Themen als Weblogs vermisse ich hierzulande. Das hängt sicher auch mit der (noch) geringen Zahl an Weblogs zusammen, die andere Themen als Weblogs diskutieren. Aber vielleicht ist es auch eine Frage der Diskussionskultur? Wir führen mit anderen das Projekt INDICARE zum Thema Digital Rights Management durch, das wir sehr Blog-ähnlich aufgezogen haben. Obwohl es ein europäisches Projekt ist, kommen die meisten ausführlichen Kommentare immer noch aus den USA (aus Deutschland nur sehr wenig).

Fazit: Ich denke nach wie vor, dass in Deutschland Qualitäts-Blogs fehlen. Nun merkt Martin Röll zu Recht an, dass wir uns hier noch in einem frühen Stadium der Weblog-Entwicklung befinden. Vielleicht kommt ja irgendwann alles von alleine. Aber bis dahin wird ziemlich viel Potenzial verschenkt, und das ist doch eher bedauerlich.

3 Kommentare zum Beitrag “Ceterum censeo: In Deutschland fehlen Qualitäts-Blogs”

  1. Martin Röll meint:

    Nicht dass wir uns da missverstehen: Ich hatte meinen Beitrag nicht speziell als Replik auf Ihren Vortrag geschrieben! Bei dem Wunsch nach mehr “Qualität-Blogs” z.B. à la Rafat Ali sind wir uns vollkommen einig! Aber da vertraue ich meinem Gefühl (und ein paar Hockeystick-Diagrammen ;-)): die kommen noch.

  2. Thorsten Wichmann meint:

    Mir schon klar, dass es hier nicht um ein “Gegeneinander” geht. Vortrag und Diskussion waren aber ja Auslöser für Ihren Artikel. War übrigens aufgrund der intensiven Diskussion mein längster Vortrag überhaupt. ;-)

  3. Melkus meint:

    Gegen die Zustandsbeschreibung ist nichts zu sagen. (Ich habe gerade einen Berg häufig verlinkter Einträge für die Uni inhaltsanalysiert.) Der Umfang der Selbstbespiegelung wirkt schon extrem. Sie wird aber auch gebraucht, auf keinen Fall ist die Reflektion schuld an inhaltlichen Defiziten. Nabelschau betreiben auch die Amerikaner, nur steht das dort neben den anderen Themen.
    Kleine Einschränkung: An IT-Themen herrscht eher kein Mangel (klar, die Amerikaner sind da weiter, aber das waren sie IT-mäßig schon immer), auch die Diskussion über Medien ist halbwegs lebendig.
    Möglicherweise liegen die Ursachen, dass es noch nicht richtig abgeht, auch tiefer. Nicht nur in der Diskussionskultur, sondern im ganzen kulturellen Umfeld. Wenn es um das Nach-Innen-Schauen, auch um Qualität im eher literarischen Sinne geht (siehe Antville) , hat die deutsche Blogosphäre durchaus auch ihre Stärken.
    Letztlich schließt an diesen Text die Frage an, was man tun kann, damit es besser wird. Von außen eingreifen kann man aber nicht, das macht ja gerade das Besondere aus. Da ist es grundsätzlich problematisch, ein theoretisches Ideal aufzustellen und dann zu fordern, dass es pronto mit Leben gefüllt wird. Ich fürchte, die Antwort lappt ins Zen-buddhistische: Warten und beobachten. Das “verschenkte Potenzial” ist rein imaginär.

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