Heutzutage scheint es für Softwareunternehmen nicht mehr auszureichen, einfach nur gute Software schreiben und verkaufen zu wollen. Für ambitionierte Anbieter muss es heute eine Plattform sein. Zumindest bekommt man diesen Eindruck, wenn man Ankündigungen und Strategien von großen IT-Anbietern Revue passieren lässt. So kündigte Mark Benioff, der Chef von Salesforce.com, vergangene Woche an, dass die Salesfore-Ambitionen mittlerweile darüber hinausgehen, eine CRM-Lösung als Service anzubieten – mit diesem Angebot ist Salesforce.com bekannt geworden. Jetzt ist sein Ziel vielmehr, Salesfore.com als Plattform zu etablieren, auf deren Basis ein “Business Web” gebaut werden kann, eine Art Unternehmensäquivalent zum viel diskutierten Web 2.0.
Benioff ist in guter Gesellschaft: So positioniert SAP die eigene Kombination aus Infrastruktur und Anwendung als “Business Process Platform”, Microsofts Windows ist das Paradebeispiel überhaupt für eine Plattform und auch Google wird in vielen Diskussionen als Plattform für Suchdienste bezeichnet. Skype, eBay sowie die Kombination aus iPod und iTunes Music Store sind weitere Beispiele. Darüber hinaus verfolgen viele große Open-Source-Projekte, wie etwa Apache, die Programmiersprache Perl und natürlich auch Linux ebenfalls die Plattform-Idee.
Zeit zu fragen, was eigentlich eine Plattform ausmacht, und was sie von anderen Arten von Software unterscheidet. Die einfachste Antwort hat mal jemand wie folgt gegeben: “If you take it away, something crashes.” Denn Software oder Internet-Dienste, die auf dieser Plattform aufsetzen, benötigen diese als essenzielle Grundlage. So funktioniert keine Windows-Anwendung ohne installiertes Windows, und auch die auf der Business Process Platform (BPP) aufsetzenden SAP-Anwendungen funktionieren nur zusammen mit der BPP. Plattformen haben also eine Art Infrastrukturcharakter.
Die Unersetzbarkeit macht Plattformen für Strategien von IT-Anbietern besonders interessant. Zwar kontrolliert, wer eine Plattform etabliert hat, noch nicht die Welt, aber doch einen Teil der IT-Landschaft von durchaus interessanter Größe. Denn die enge Verbindung von Plattform und darauf aufsetzenden Anwendungen schafft so genannte Lock-in-Effekte: Ein Wechsel von einer Plattform zu einer anderen ist mit hohen Kosten verbunden, da nicht nur ein oder zwei Anwendungen ausgetauscht werden müssen, sondern auch alle auf der Plattform aufsetzenden Anwendungen plötzlich wertlos werden.
Das gilt auch für den Hardwarebereich. Wer im Laufe der Zeit für seinen iPod eine Menge an Zubehör gekauft hat – von der Docking-Station über Kfz-Adapter bis hin zur iPod-spezifischen Lautsprecheranlage – der kann bei einem Wechsel zu einem anderen MP3-Player das gesamte Zubehör neu anschaffen. Denn alle Teile kommunizieren mit dem iPod über einen speziellen Stecker, den andere MP3-Player nicht haben.
So interessant es für einen IT-Anbieter ist, die eigenen Produkte als Plattform zu etablieren, so schwierig ist das auch. Denn das Interessante an einer Plattform ist ja gerade, dass viele Dritte die Plattform des IT-Anbieters als Grundlage für die eigenen Produkte wählen. Um eine Plattform zu etablieren, müssen also zahlreiche unabhängige Dritte überzeugt werden, die eigene Zukunft eng an die des Plattformbetreibers zu knüpfen. Das verlangt Ausdauer und Überzeugungskraft. Vor allem setzt es voraus, dass die Dritten an die Zukunft der Plattform und ihres Betreibers glauben.
Wie schwierig das ist, zeigen besonders deutlich Open-Source-Projekte, die vor ähnlichen Herausforderungen beim Aufbau ihrer Community stehen. Auch hier steht der harte Kern von Entwicklern vor der Herausforderung, möglichst viele andere von einer Mitarbeit zu überzeugen und zum gemeinsamen Ganzen beizutragen. Nur wenn sich eine kritische Masse von Mitwirkenden findet, also sich eine Art Ökosystem entwickelt, hat das Projekt überhaupt Chancen, die Bekanntheit und Bedeutung von Vorbildern wie Linux, Firefox oder Apache zu erreichen.
Natürlich spielt PR eine große Rolle dabei. Das zeigt sich bei Open-Source-Projekten wie der CRM-Software SugarCRM, die es mit einer guten PR in kurzer Zeit geschafft haben, den Namen des Projektes in der Szene zu verankern. Und das zeigt sich auch bei der Ankündigung von Mark Benioff von Salesforce.com, dem wohl niemand falsche Bescheidenheit bei seinen Auftritten unterstellen würde.
IT-Verantwortliche in Unternehmen stellt dieses Interesse der Anbieter an Plattformen vor einige Herausforderungen. Denn nur noch zu hohen Kosten von einem Anbieter zu einem anderen wechseln zu können, schränkt die eigene Flexibilität in der Zukunft ein. Wer sich auf eine Plattform einlässt, sollte deshalb darauf achten, dass innerhalb der Welt dieser Plattform ausreichend viele Wahlmöglichkeiten bestehen, um sehr unterschiedliche IT-Lösungen verwirklichen zu können. Das ist bei etablierten Plattformen wie Windows der Fall, aber die mit großen Fanfaren angekündigten neuen Plattformen müssen dafür erst noch ein wenig wachsen.

