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25.10.2006

Drei Mythen zur Globalisierung von IT-Dienstleistungen

Verfasst von Andreas Stiehler am 25.10.2006, 13:09 | IT Services & Outsourcing

“Ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe”. Angesichts der Zahlengläubigkeit vieler Politiker, Manager und Journalisten mag dieser Spruch, der dem ehemaligen englischen Premierminister Churchill zugeschrieben wird, seine Berechtigung haben. In einigen Fällen dürfte sich jedoch ein Blick auf die Statistik durchaus als hilfreich erweisen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn wie beim Thema “Offshore” die Emotionen hochschlagen.

Amtliche Statistiken, wie die Auswertung der Zahlungsbilanzen durch die deutsche Bundesbank oder Eurostat (dem Statistik-Dienstleister der EU) sind deutlich emotionsloser als reißerische Artikel und wirken daher oft etwas angestaubt. Doch bei genauerem Hinsehen treten einige spannende Ergebnisse zu Tage, die so gar nicht mit dem hierzulande weit verbreiteten Angstbild von den “Indern vor der Haustür, die in Kürze die deutsche IT-Dienstleistungsbranche übernehmen”, übereinstimmen.

Das Forschungsprojekt zur Internationalisierung von Dienstleistern der Informationsgesellschaft INTERDIG, in dem Berlecon als Partner mitwirkt, hat amtliche Statistiken sowie Datenbanken ausgewertet und eine eigene Anbieterbefragung zu diesem Thema durchgeführt. Erste Ergebnisse zeigen, dass gerade beim Thema “Internationalisierung von IT-Dienstleistungen” viele Mythen im Umlauf sind.

Da wäre als Erstes der Mythos von den IT-Dienstleistern, die überdurchschnittlich stark von der Globalisierung betroffen sind, zumindest im Vergleich mit anderen Dienstleistungsbranchen. Dies klingt zunächst logisch. Schließlich sind es ja genau die Informationstechnologien, die den Dienstleistungshandel erst so richtig in Bewegung gebracht haben. Und sind es nicht die IT-Services-Riesen wie IBM, die ähnlich wie Coca Cola überall auf der Welt zu finden sind und nun auch zunehmend in Offshore-Nationen wie Indien investieren?

Alles richtig. Nur wird dabei oft vergessen, dass andere Dienstleistungsbranchen wie Transport, Finanz- oder Ingenieurdienstleistungen zum Teil deutlich höhere internationale Handelsvolumina aufweisen. Dies belegen die Zahlungsbilanzen, die für das Jahr 2004 aktuell von Bundesbank und Eurostat ausgewertet wurden. Zugegeben, der Vergleich der absoluten Handelsvolumina kann irreführend sein, da diese auch von der Gesamtgröße des Marktes abhängen.

Doch auch beim Vergleich von Import- und Exportaktivitäten der Akteure in den einzelnen Dienstleistungssektoren in Deutschland rangiert die IT-Services-Branche eher am unteren Ende. Dies ist das Ergebnis einer Dienstleisterbefragung, die vom ZEW in Mannheim im Mai 2006 für INTERDIG durchgeführt wurde. Demnach sind zwar ca. 60 Prozent der IT-Dienstleister im Import oder Export aktiv. Bei den Architekten, den Technische Beratern und Planern und selbst bei den Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern liegt der Anteil der international aktiven Anbieter – insbesondere, was Importaktivitäten anbetrifft – jedoch noch zum Teil deutlich darüber.

Der zweite Mythos erzählt von der großen Bedeutung asiatischer Anbieter im internationalen IT-Dienstleistungshandel mit Deutschland. Ohne Zweifel hat sich gerade in Indien in den letzten Jahren ein boomender, auf den Export ausgerichteter IT-Dienstleistungssektor entwickelt. Die derzeit häufig kursierenden Erfolgsmeldungen indischer IT-Dienstleister müssen jedoch im Gesamtzusammenhang gesehen werden. Denn mehr als die Hälfte des internationalen Handels mit IT-Dienstleistungen, bei denen deutsche Unternehen als Anbieter oder Nachfrager beteiligt sind, findet innerhalb der EU statt.

Neben den EU-Ländern sind die USA der wichtigste Handelspartner für Deutschland. Nahezu ein Viertel des Volumens aus importierten IT-Dienstleistungen kam 2004 von dort. Nur scheint das angesichts der häufig diskutierten Bedrohung durch Anbieter aus Offshore-Regionen niemand so recht zu interessieren. Oder wann haben Sie das letzte Mal gehört, dass der Amerikaner vor der Türe steht? Zum Vergleich: Gesamt Asien, inklusive China und Indien, erhielt 2004 nicht einmal 10 Prozent der deutschen Exportausgaben für den Bezug von IT Services. Da lag die Schweiz sogar noch darüber.

Der dritte Mythos handelt von Deutschland als reinem Importland, wenn es um IT-Dienstleistungen geht. Die Front der Deutschlandskeptiker, welche über Jahre hinweg die Löhne für zu hoch, die Ausbildung für zu schlecht und die Infrastruktur für veraltet erklärten, hat auf diesem Gebiet ganze Arbeit geleistet: Wir glauben schon selbst nicht mehr daran, dass wir auch IT-Dienstleistungen exportieren.

Tatsächlich ist jedoch die Zahlungsbilanz Deutschlands bei den IT-Dienstleistungen nahezu ausgeglichen. Gegenüber Asien zeigte sich 2004 sogar ein deutlicher Überschuss. Deutliche Defizite, also ein Importüberschuss, wurden – der Niedriglohndebatte zum Trotz – eher gegenüber Hochlohnländern wie Großbritannien, den USA oder Irland registriert.

Auch die vorgestellten Statistiken sollten kritisch bewertet werden. Internationale Zahlungsbilanzen aus dem Jahr 2004, die nur Zahlungen von über 12.500 Euro erfassen, geben nicht den aktuellsten und vollständigen Stand der internationalen Handelsaktivitäten wider. Gefälscht sind sie jedoch nicht. Sie geben eher Anlass, einige verzerrte Meinungsbilder beim Thema “Offshore” zu überdenken.

INTERDIG lädt IT-Dienstleister und Softwareanbieter herzlich ein, weitere Fragen der Internationalisierung, die über die aktuelle Offshore-Debatte hinausgehen, auf einem Workshop zu diskutieren. Dabei stehen u.a. die folgenden Fragen im Mittelpunkt: Welche Rolle spielen deutsche IT-Services-Organisationen innerhalb von Global-Delivery-Ansätzen? Wo liegen die Exportchancen deutscher IT-Dienstleister? Wie können Softwareanbieter durch Bündelung von Produkten und Dienstleistungen den Absatz im Ausland forcieren? Wie ist der Stand der Internationalisierung im deutschen IT-Dienstleistungsmarkt? Haben sich Import- und Exportaktivitäten von IT-Dienstleistern bislang ausgezahlt?

Der Workshop findet am 10.11.2006 in Mannheim statt. Die Teilnahme ist kostenlos. Da die Plätze begrenzt sind, ist eine vorherige Anmeldung erforderlich. Wir freuen uns, Sie dort zu begrüßen und mit Ihnen die oben gestellten Fragen zu diskutieren. Das Workshop-Programm sowie weitere Informationen zu INTERDIG finden Sie hier.

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