Klimaschutz steht derzeit weit oben auf der politischen Agenda – nicht zuletzt auf dem gegenwärtig stattfindenden G8-Gipfel. Das erkennen auch viele ITK-Anbieter. Sie argumentieren, dass innovative Kommunikationslösungen die eine oder andere Geschäftsreise überflüssig machen und so neben Kosten auch der CO2-Ausstoß reduziert werden könne. Ganz nebenbei könnten Kunden mit neuen ITK-Lösungen also einen Beitrag zu einer sauberen Umwelt leisten. Tatsächlich verpassen sich Technologieanbieter wie Cisco, Hewlett-Packard oder IBM derzeit einen grünen Anstrich. Sollten ITK-Lösungen also künftig unter dem Gesichtspunkt des Klimaschutzes betrachtet werden?
Um eine besondere Anschaulichkeit des CO2-Problems bemüht sich WebEx, ein Anbieter von Webkonferenzen, der kürzlich von Cisco übernommen wurde. Auf seiner Seite stellt WebEx einen CO2-Rechner zur Verfügung. Dort gibt der interessierte CFO oder CIO ein, wie viele Mitarbeiter wie oft pro Jahr auf welcher Strecke mit Auto oder Flugzeug unterwegs sind. Heraus kommt, in welcher Höhe Kosten und Schadstoffausstoß eingespart werden könnten, wenn statt der Reise eine Webkonferenz stattfinden würde. Würden allein die acht Regierungschefs beispielsweise anstatt eines Treffens in Heiligendamm eine Webkonferenz abhalten, ließen sich durch die damit überflüssigen Flugreisen etwa 8,9 Tonnen CO2-Ausstoß sparen. Würde man die Sherpas und Globalisierungskritiker ebenfalls einbeziehen, käme man vermutlich auf den jährlichen CO2-Ausstoß einer deutschen Kleinstadt.
Eine weitere, derzeit viel diskutierte Möglichkeit des virtuellen Treffens ist Second Life. Unternehmen wie IBM oder Microsoft richten dort Präsenzen ein, um in der 3D-Welt etwa Fortbildungen für ihre Mitarbeiter durchzuführen. Die Mitarbeiter sind dort mit Avataren vertreten, also dreidimensionalen grafischen Stellvertretern. Mit den Avataren können die Mitarbeiter beispielsweise an Online-Konferenzen teilnehmen oder Kunden auf die Vorzüge neuer Produkte aufmerksam machen. Für einen globalen Konzern kann dies sicherlich in einigen Fällen eine Alternative zu kostspieligen Reisen sein.
Dass dadurch auch ein signifikanter Beitrag zum Klimaschutz geleistet werden könnte, wird von einer interessanten Rechnung in Frage gestellt, die Nicolas Carr vor einiger Zeit auf seinem Blog aufgemacht hat. Ausgehend von den 4.000 Servern, die der Provider Linden Labs zu dem Zeitpunkt zur Bereitstellung des Services betrieben hat, lässt sich errechnen, dass ein Avatar pro Jahr mehr als 1700 kWh verbraucht. Dies entspricht dem durchschnittlichen Elektrizitätsverbrauch pro Einwohner in Brasilien. Suns „Vice President of Eco-Responsibility“, David Douglas, geht darauf aufbauend noch einen Schritt weiter. Er weist in seinem Kommentar zum Beitrag darauf hin, dass der Verbrauch eines Avatars einem Ausstoß von 1,17 Tonnen CO2 entspricht – soviel Schadstoff fällt auch bei einer 3700 km-Fahrt mit einem spritintensiven Geländewagen an. Die acht Avatare von Merkel, Bush, Sarkozy und Co. hätten demnach einen jährlichen Ausstoß von über 9 Tonnen CO2 – etwas mehr sogar, als bei ihrer Reise nach Heiligendamm per Flugzeug anfällt. Die Berechung macht deutlich, dass bei allen Bemühungen um einen Beitrag zum Umweltschutz durch die Nutzung innovativer Informationstechnologien nicht außer Acht gelassen werden darf, dass für ihren Betrieb oftmals sehr umfangreiche und rechenintensive IT-Infrastruktur notwendig ist. Diese Hardware verbraucht ebenfalls Elektrizität und muss darüber hinaus stets energieintensiv gekühlt werden.
Und natürlich können nicht alle persönlichen Treffen alternativ auch online stattfinden. WebEx selbst schätzt, dass für Unternehmen mit den Conferencing-Lösungen etwa ein Drittel der persönlichen Treffen wegfallen und stattdessen online stattfinden könnten. Diese Zahl ist von einigen unternehmensspezifischen Faktoren abhängig, etwa von der Branche, Mitarbeiterzahl oder auch der Organisationsstruktur. Auch sind persönliche Treffen eben mehr als Sprache und das passende Gesicht dazu. Was ebenso zählt, ist das Vertrauen, das durch persönliche Begegnungen und das gemeinsame Glas Wein am Abend aufgebaut werden kann – oder eben nicht.
Sicherlich ist es mehr als sinnvoll, kostenintensive und umweltbelastende Geschäftsreisen auf ein notwendiges Minimum zu reduzieren. Im Mittelpunkt der Überlegungen für neue Formen der Kommunikation sollten aber die möglichen Produktivitätsvorteile stehen. Diese liegen vor allem darin, dass Dokumente oder Präsentationen online und in Echtzeit für alle Teilnehmer gleichzeitig verfügbar sind und gemeinsam bearbeitet werden können. Durch eine Integration von Sprachkommunikation mit innovativen Kollaborationstools können Missverständnisse im Austausch mit Kollegen vermieden werden, die unter anderem aus dem Vorhandensein verschiedener Dokumentenversionen nach einer Sitzung entstehen können. Besprechungsergebnisse können zeitnah und für alle einsehbar dokumentiert werden. Und hier liegen die zentralen Vorteile von Webkonferenzen.
Im Endeffekt zählen nämlich vor allem handfeste, für alle nachvollziehbare Ergebnisse – sowohl in Unternehmen als auch in der Politik. Und damit wären wir auch beim G8-Gipfel schon einen erheblichen Schritt weiter.

